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| Nachruf Dr. Alice Stewart | Link zum Photo von A. S.> | |
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Wir beklagen den Tod von Frau Dr. Alice Stewart,
Ehrenmitglied unserer Gesellschaft,
die am 23.06.2002 im Alter von 95 Jahren verstarb.
Dr. Alice Stewart bewies als Epidemiologin, dass Strahlenexposition und Krebs kausal verknüpft sind. Mit ihrer Forschung zwang sie wissenschaftliche und politische Autoritäten wiederholt zur Revision liebgewordener Lehrmeinungen und zu mehr Offenheit. Über mehr als vierzig Jahre stellte die Epidemiologin Alice Stewart die offiziellen Abschätzungen für das Strahlenrisiko in Frage. Ihre Forschungsergebnisse aus den Jahren 1956-1958 alarmierten die Ärzteschaft in England, denn sie zeigten eine Korrelation zwischen Röntgenexposition in der fötalen Phase und Krebserkrankung in der Kindheit auf. Zwanzig Jahre später, als sie bereits in den Siebzigern war, stellte sie erneut die Bedingungen beim Umgang mit radioaktiven Stoffen in Frage und forderte eine Verbesserung der Sicherheitsstandards. Ihre epidemiologischen Untersuchungen an den Arbeitern in den Nuklearwaffen-Fabriken in den USA ergaben nämlich ein 10- 20mal höheres Gesundheitsrisiko als nach den damals gültigen internationalen Strahlenschutzvorschriften angenommen wurde. Sie wurde als Alice Mary Naish 1906 in Sheffield als drittes von acht Geschwistern geboren. Ihre Eltern waren beide bekannte und sehr engagierte Kinderärzte, die sich sehr um die Verbesserung sozialer Verhältnisse in den Arbeitersiedlungen in Sheffield bemühten. Alice studierte in Cambridge Medizin. Sie hatte aber auch großes Interesse an Literatur und war mit dem Literaturkritiker William Empson bis zu dessen Tod im Jahr 1984 eng befreundet. Im Jahr 1933 heiratete sie Ludovick Stewart. Aus der Ehe, die nur 17 Jahre dauerte, gingen eine Tochter und ein Sohn hervor. Während des zweiten Weltkriegs untersuchte sie die Gesundheitsrisiken durch industrielle Chemikalien in Fabriken und Bergwerken. 1946 gründete sie mit anderen Wissenschaftlern die Zeitschrift "British Journal of Industrial Medicine". Der erste Abschnitt ihrer Laufbahn als Wissenschaftlerin endete mit der Ernennung zum "Fellow of the Royal College of Physicians", eine hohe Auszeichnung für die erst vierzigjährige Frau. Aber sie hatte damals schon den Ruf einer brillanten Dozentin und hervorragenden Ärztin. Kurz nach dem Krieg nahm sie eine Stellung als Assistentin in der neu gegründeten Abteilung für Sozialmedizin an der Universität in Oxford an. Professor John Ryle, der Leiter dieser Einrichtung, wollte die medizinischen Berufe und die Ärzteschaft stärker mit den sozialen Bedürfnissen der Gesellschaft verknüpfen, in dem er die Ursachen von Erkrankungen und besonders berufsbedingten Erkrankungen zu seinem Forschungsschwerpunkt machte, um sich dann für entsprechende Veränderungen im sozialen und beruflichen Umfeld einzusetzen. Dieses Forschungsprogramm interessierte Alice Stewart sehr. Sie arbeitete und forschte erfolgreich mit Ryle bis zu dessen plötzlichen Tod 1950. Sie übernahm die Leitung der Abteilung für Sozialmedizin, doch die medizinische Fakultät entwickelte sich in andere Richtungen und vernachlässigte die Sozialmedizin, ein Fach, das weder zu den vorklinischen noch zu den klinischen Fachrichtungen gehörte und damals von den Medizinern wegen seiner Multidisziplinarität abgelehnt wurde. Alice Stewart billigte man die Position einer Universitätsdozentin zu und gab ihr einen minimalen Etat, "der kaum ausreichte, die Gasrechnung zu begleichen". Damit war das Ende der Sozialmedizin in Oxford besiegelt. Doch Alice Stewart blieb in Oxford und begann mit einem Forschungsstipendium von nur 1.000 Pfund ihre berühmten Untersuchungen über die Gründe von Krebserkrankungen in der Kindheit und Jugend. Sie begann mit der Vermutung, dass sich die Mütter an etwas erinnern könnten, das die Doktoren längst vergessen hatten, und entwarf Fragebögen, die sie an Frauen verschickte, deren Kinder an irgend einer Krebsform verstorben waren. Da das Leben mit der Konzeption beginnt, wurden die Frauen auch gefragt, ob sie während der Schwangerschaft erkrankten, wie die Geburt verlief, ob sie geröntgt wurden und warum, welchen Noxen und Risiken die Kinder in den ersten Lebensjahren ausgesetzt waren und so weiter. Dieser wichtige Zeitabschnitt in Alice Stewarts Leben ist spannend beschrieben in dem Buch von Gayle Greene: "The Woman Who Knew Too Much ; Alice Stewart and the Secrets of Radiation". Nachdem die Fragebögen zurückkamen, wurde immer deutlicher, dass bereits eine diagnostische Röntgenuntersuchung während der Schwangerschaft mit einer Dosisbelastung weit innerhalb des als sicher angenommenen Bereichs ausreicht, um das Risiko für Krebserkrankung in der Kindheit zu verdoppeln. Diese Erkenntnis überraschte Stewart sehr, wurde aber von der wissenschaftlichen Gemeinde überhaupt nicht begrüßt. Die allgemeine Begeisterung für Röntgenstrahlung war damals, Mitte der fünfziger Jahre, auf einem Höhepunkt. Sie wurde in der Medizin für fast alles benutzt, von der Behandlung von Akne bis hin zu Zyklusbeschwerden. Selbst für das Anpassen von Schuhen benutzte man Röntgenstrahlen. Röntgenstrahlen waren das bevorzugte Spielzeug der medizinischen Berufe, so sagte sie einmal. Die britische und die amerikanische Regierung investierten gewaltige Summen in den atomaren Rüstungswettlauf und förderten den Ausbau der Nuklearenergie. So gab es wenig Bereitschaft, die alarmierenden Ergebnisse von Stewart zur Kenntnis zu nehmen. Frau Stewart erhielt nie wieder eine größere Forschungsförderung in England. In denn folgenden zwei Dekaden dehnte Alice Stewart zusammen mit ihrem Statistiker George Kneale ihre Untersuchungen weiter aus, entwickelte neue Methoden zur besseren Bearbeitung der immer größer werdenden Datenmengen, die unter dem Namen "Oxford Survey of Childhood Cancer" bekannt wurden. Es dauerte bis in die Mitte der siebziger Jahre, bis schließlich einflussreiche medizinische Vereinigungen in England empfahlen, schwangere Frauen nicht zu röntgen. Danach wurde diese Untersuchungsmethode in der Schwangerschaft immer seltener angewandt. In der Datensammlung "Oxford Survey" befanden sich schließlich die Informationen von mehreren Hunderttausend Kindern aus ganz Britannien, die Stewart und Kneale über einen Zeitraum von 30 Jahren zusammengetragen hatten. Sie konnten nachweisen, dass der Fötus im ersten Trimester der Schwangerschaft zirka dreimal strahlenempfindlicher ist als im dritten Trimester, und (in Kombination mit den Nukleararbeiter-Untersuchungen), dass die Strahlenempfindlichkeit nach einem Minimum bei zirka zwanzig Jahren stark mit dem Alter zunimmt, dass Kinder vor dem Ausbruch einer Krebserkrankung bereits eine stark erhöhte Anfälligkeit für Infektions-Erkrankungen haben, und sie zeigten eine Verbindung zwischen Schutzimpfung und Krebsresistenz auf, was auf einen Zusammenhang zwischen Krebs und Immunsystem hindeutete. Sie hatten auch Theorien über Ultraschall und plötzlichen Kindstod entwickelt, welche sie testen wollten. Doch die erforderlichen finanziellen Mittel wurden nicht bewilligt. Im Jahr 1974, bereits offiziell im Ruhestand und von Oxford nach Birmingham gezogen, wo sie einen Auftrag angenommen hatte, erhielt die 68jährige Stewart einen überraschenden Telephonanruf aus Amerika. Dr. Thomas Mancuso, der an einem Forschungsauftrag der Regierung über die Gesundheitssituation der Nukleararbeiter in Hanford arbeitete, dem Waffenkomplex, der das Plutonium für das Manhattan Projekt hergestellt hatte, bat Stewart sich einmal seine Daten und Ergebnisse genauer anzusehen. Mancusos Untersuchungen liefen schon seit mehr als zehn Jahren und man erwartete nicht, dass etwas Beunruhigendes herauskommen würde, denn die Expositionen der Arbeiter in Hanford, der ältesten und größten Nuklearwaffenfabrik in der Welt, war weit unterhalb der Sicherheitsgrenzen internationaler Richtlinien. Doch Stewart und Kneale fanden, dass das Krebsrisiko der Arbeiter etwa 20mal höher war als behauptet wurde. Dieses Ergebnis war nicht in Übereinstimmung mit den mit Hunderten von Millionen Dollar finanzierten Hiroshima und Nagasaki Studien, auf denen die internationalen Sicherheitsrichtlinien basieren. Das amerikanische Energieministerium (DOE) entließ daraufhin Mancuso und versuchte sogar, ihm die Hanford-Daten abzunehmen, doch Stewart und Kneale nahmen ihre Arbeit mit zurück nach England und publizierten zusammen mit Mancuso eine Reihe von Studien, die ihre früheren Befunde bestätigten, dass die kanzerogene Wirkung der Strahlung erheblich höher ist als es die Hiroshimastudien andeuteten. Das Energieministerium verweigerte den Wissenschaftlern den weiteren Zugang zu den Hanford-Daten und hielt nun die Forschung unter strikter Regierungskontrolle. Die statistischen Methoden, die Mancuso entwickelte und zur Auswertung der Hanford-Daten benutzte, wurden teilweise kritisiert. So unter anderem von dem Oxforder Epidemiologen Richard Doll. Die Ergebnisse von Mancuso fanden große öffentliche Beachtung und führten 1978 sogar zu Anhörungen und Nachforschungen im amerikanischen Kongress. In einer Reihe von Veröffentlichungen deckte Alice Stewart die Gründe auf, warum die Hiroshima-Nagasaki-Daten das Strahlenrisiko bei niedrigen Belastungen unterschätzen. Ein Hauptgrund ist die Selektierung von außergewöhnlich gesunden Personen unter den erst 1950 identifizierten Überlebenden. Diese für Strahlenschutzrichtlinien besonders wichtigen Arbeiten konnten von den internationalen Strahlenschutzkommissionen bisher nicht überzeugend widerlegt werden, man hat sie einfach unbeachtet gelassen. Während die britische und amerikanische Regierung die nuklearen Einrichtungen ausbauten und die Nuklearwaffenproduktion beschleunigten, brachten die Reaktorunfälle in Three Mile Island 1979 und in Tschernobyl 1986 die antinukleare Bewegung erneut auf den Plan. Alice Stewart wurde für diese Gegenbewegung eine Heldin im Kampf gegen das Nuklearestablishment. Sie wurde immer wieder gefragt, als Expertin und Zeugin gegen die Errichtung neuer nuklearer Anlagen und Abfalllager auszusagen. In vielen Entschädigungsfällen vertrat sie die Interessen der Nuklearveteranen und der Opfer, die in den Abwindfahnen der verschiedenen Reaktoren und Teststellen lebten. 1986 im Alter von 80 Jahren wurde sie mit dem Right Livelihood Award" ausgezeichnet. Diese Ehrung, die auch als alternativer Nobelpreis bekannt ist, wird im schwedischen Parlament einen Tag vor der Nobelpreisverleihung vergeben, um Personen zu ehren, die zur Besserung der Gesellschaft einen wesentlichen Beitrag geleistet haben. Die Britische Botschaft in Stockholm hat sich geweigert, einen Wagen zum Flughafen zu schicken, um Alice Stewart abzuholen! 1992 wurde sie mit den Ramazzini-Preis für Epidemiologie ausgezeichnet. Auf der ersten internationalen Konferenz der Gesellschaft für Strahlenschutz 1992 wurde Frau Stewart die Ehrenmitgliedschaft verliehen. In den Jahren als Stewart Dutzende von Auftritten vor Gerichten und in der Öffentlichkeit zur Unterstützung der Kernkraftgegner hatte, legte sie besonderen Wert darauf, dass sie keine Aktivistin, sondern eine Wissenschaftlerin sei und dass sie kein politisches Programm habe, sondern nur der wissenschaftlichen Wahrheit verpflichtet sei. Sie veröffentlichte über 400 Arbeiten in wissenschaftlichen Zeitschriften. Obwohl sie bei Vorträgen ihre Ergebnisse mit besonderer Klarheit darstellen konnte, sind Ihre Publikationen oft schwer zu dechiffrieren. Ebenfalls 1986 erhielt Stewart ein Forschungsstipendium über 1,4 Millionen Dollar, um die Wirkung kleiner Strahlendosen zu untersuchen. Dieses Geld kam nicht von einer Regierungsagentur oder einem akademischen Institut, sondern von Aktivisten, die dafür sorgten, dass diese Summe aus dem Three Mile Island Fond zur Verfügung gestellt wurde. Um diese Studien zu beginnen, benötigte Stewart Zugang zu den Gesundheitsdaten der Nukleararbeiter. Doch die amerikanische Regierung verweigerte den Zugang. Es dauerte mehrere Jahre und mehrere Klagen gemäß des "Freedom of Information Act", um an die Daten zu gelangen. Als Stewart endlich 1992 Zugang zu den Daten von etwa einem Drittel aller Arbeiter der Nuklearwaffen-Fabriken in den USA erhielt, nannte die New York Times dies auf der Titelseite "Einen Triumpf für die wissenschaftliche Freiheit" (A Blow for Scientific Freedom). Selbst als Neunzigjährige publizierte Stewart Ihre Ergebnisse oder trug sie auf Kongressen mit bewundernswürdiger Klarheit vor. Sie war eine charismatische Rednerin und eine Person, die Wärme und Großmütigkeit ausstrahlte. Sie hatte keine leichte Zeit in ihrem wissenschaftlichen Leben als einsame Frau in einem von Männern dominierten Feld. Sie litt sehr unter dem Verlust finanzieller Unterstützung und unter der Isolierung als Folge ihrer unpopulären Stellungnahmen, aber sie beharrte darauf, dass Unbedeutendheit auch ihre Vorteile hat, da es ihr so erlaubt gewesen sei, Risiken einzugehen, die andere Wissenschaftler nicht auf sich zu nehmen bereit seien. "Wahrheit ist eine Tochter der Zeit" pflegte sie zu sagen und "es hilft in diesem Forschungsfeld langlebig zu sein", denn in solchen politischen Zeiten dauert es lange, bis die Wahrheit ans Licht kommt. Sie lebte lange genug, um zu sehen wie sich die Wissenschaft von der Strahlenwirkung mit jeder offiziellen Risikoabschätzung, die größer war als vorhergehende Abschätzungen, immer mehr in ihre Richtung bewegte. Sie erlebte auch, wie ihre Anstrengungen dazu beitrugen, die Macht des amerikanischen Energieministeriums (DOE) über die Strahlenforschung zu brechen. Sie konnte mit Genugtuung miterleben wie die Energieministerin Hazel OŽLeary 1993 die geheimen Aufzeichnungen über das Regierungsmanagement der nuklearen Operationen während des kalten Krieges veröffentlichte einschließlich der Aufzeichnungen über Strahlenversuche an Menschen. Sie erlebte auch, wie ein anderer Energieminister im Jahr 2000 Entschädigungszahlungen an Nukleararbeiter empfahl, die an Krebs erkrankt waren, den sie sich möglicherweise während ihrer Tätigkeit zugezogen hatten. Mit Alice Stewart hat die Wissenschaftswelt eine unerschrockene, vorbildliche und bewunderungswürdige Epidemiologin verloren, deren Vermächtnis uns allen auch Verpflichtung ist. |
Münster, den 26. Juli 2002
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http://www.gfstrahlenschutz.de/stewart.htm |