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Nachruf PD Dr. Abraham F. G. Stevenson

Fred Stevenson

 

 

 
 

25. Juli 1944 - 2. Juni 2004

 

 

Wir haben einen treuen Freund verloren


Dr. rer. nat. habil. Abraham Frederick Gunaraj Stevenson war einer der in Deutschland - infolge des systematisch-destruktiven Einflusses der Atomwirtschaft auf das ihr lästige Fach Strahlenbiologie - sehr selten gewordenen hochqualifizierten, international angesehenen und von Industrie und Politik unabhängigen Strahlenbiologen.

Geboren in der ehemaligen britischen Kronkolonie Malakka (heute Malaysien) als achtes Kind einer chinesischen Mutter und eines indischen Vaters (Arzt), absolvierte er 1970 mit Auszeichnung seine Hochschulausbildung an der Universität Rajasthan in Jaipur, Indien, und mit einer Spezialisierung für das Fach Strahlenbiologie. Sein wissenschaftlicher Weg führte ihn zunächst an die Universität Freiburg, wo er 1973 mit einem den strahlentoxikologisch wichtigen Radionukliden Strontium-90 und Yttri-um-90 gewidmeten, bis heute und leider noch in Zukunft aktuellen Thema bei H. Langendorff promovierte. Es folgten - dank der seit Jahrzehnten kurzsichtigen Wissenschaftspolitik in Deutschland - wechselvolle wissenschaftliche Wanderjahre, die Fred Stevenson einerseits zu angesehenen Instituten und interessanten Aufgaben führten, andererseits aber stets in die sozial unwürdige Abhängigkeit von befristeten Zeitverträgen(1)  brachten: INSERM Bordeaux, Fraunhofer-Gesellschaft/Sanitätsakademie der Bundeswehr Neuherberg/München (O. Messerschmidt), Habilitation an der Fakultät für Biologie und Vorklinische Medizin der Universität Regensburg (Institut für Anatomie, E. Lindner), Universität Heidelberg (Institut für Anthropologie und Humangenetik, F. Vogel), State University of New York, Brooklyn (C. S. Lange), Universität Kiel (Klinik für Frauenheilkunde, K. Semm) und schließlich an der gleichen Universität - endlich 12 Jahre zusammenhängend - im Institut für Toxikologie (O. Wassermann).

Fred Stevenson hat in dieser - auch wegen des bekannt gewissenlosen Umganges der Regierungen mit der Atomenergie - ereignisreichen Zeit nach seiner Promotion verschiedene strahlenbiologisch wichtige Themenbereiche erfolgreich bearbeitet: Radiobiologie einiger Kernspaltelemente, Biologie und Strahlenempfindlichkeit hämopoetischer Stammzellen, Neutronenstrahlenbiologie und -toxikologie (Auswirkungen auf hämopoetische Zellen, Knochenmarktransplantation, Immunbiologie, Wirksamkeit von "Strahlenschutzsubstanzen"), Einfluss ionisierender Strahlen auf die Zellalterung, Zellbiologie kultivierter Kardiomyozyten (einschließlich Registrierung ihrer Kontraktilität und ultrastrukturellen Untersuchungen), Entwicklung dreidimensional wachsender Zellkulturen, moderne Zytogenetik (Lokalisation von spezifischen DNS-Sequenzen, Hybridisierungsversuche), zelluläre Strahlenbiologie ( zelluläre Erholung nach Strahleneinwirkung, Modulation von potentiell letalen Schäden, Untersuchungen an strahlengeschädigter DNS durch Viscoelastometrie, Ultrastruktur strahlengeschädigter Säugetierzellen), Reproduktionsbiologie (Zellbiologie und Physiologie der Reproduktion, in vitro-Fertilisation und Embryotransfer, klinischbezogene Sterilitätsforschung) und einige andere.

Fred Stevenson habilitierte sich mit dem Thema "Beiträge zur Frage der Radiotoxizität und der Regeneration von Säugetiergeweben nach Einwirkung ionisierender Strahlen". Er veröffentlichte mehr als 40 wissenschaftliche Arbeiten in angesehenen Zeitschriften und hielt zahlreiche Vorträge bei internationalen Kongressen. Als engagierter Hochschullehrer vermittelte er sein Fachwissen in anspruchsvollen, gewissenhaft nach dem international neuesten Wissensstand vorbereiteten Vorlesungen und Seminaren - didaktisch gekonnt - einer jungen, interessierten Studentengeneration, aber auch der Öffentlichkeit, der er z. B. als Wissenschaftlicher Beirat des 1986 nach der Tschernobyl-Katastrophe in Kiel gegründeten Vereins "Eltern für unbelastete Nahrung" engagiert diente.

Seit 1989 fiel die im internationalen Vergleich extreme (und bis heute anhaltende) Häufung kindlicher Leukämieerkrankungen in der Elbmarsch auf. Unter dem massiven öffentlichen Druck der dortigen Bürgerinitiative setzte 1991 die Landesregierung in Schleswig-Holstein eine "Wissenschaftliche Fachkommission zur Ursachen-Aufklärung der Leukämieerkrankungen im Raum Geesthacht/Elbmarsch" (d. h. im Umfeld der dortigen Atomanlagen an der Elbe) ein. Fred Stevenson konnte 1992 als ihr Wissenschaftlicher Geschäftsführer gewonnen werden. Seine profunden Kenntnisse auf den Gebieten der angewandten Strahlentoxikologie und Radioökologie brachte er hier ein bei der Beratung und Koordinierung von Untersuchungen zur Aufklärung der Ursachen des Leukämie-Clusters in der Umgebung des Atommeilers Krümmel und des Geesthachter Kernforschungsinstituts GKSS ("Gesellschaft für Kernenergieverwertung in Schiffbau und Schiffahrt GmbH")(2).  Er hat mit seinem Fachwissen die mühevolle, von unzähligen Schwierigkeiten und Widerständen behinderte Arbeit dieser Kommission über 12 Jahre mit beispielhafter Loyalität maßgeblich unterstützt.

Die Abteilung "Reaktorsicherheit" im Ministerium für Finanzen und Energie des Landes Schleswig-Holstein (unter der politischen Verantwortung des damaligen Ministers Claus Möller, SPD, und des Staatssekretärs Willi Voigt, Bündnis 90/Die Grünen) beauftragte Fred Stevenson später mit der - für ihn letzten Endes verhängnisvollen - Aufgabe der Erstellung eines "Strahlenbiologischen Gutachtens" über Zusammenhänge zwischen radioaktiver Strahlung und Leukämieerkrankungen, für das er etwa 20 Beiträge internationaler Experten gewinnen konnte(3).  Obwohl dieser Zusammenhang in der Weltliteratur längst bekannt war, beklagte sich Fred Stevenson bitter über penetrante, geradezu quälerische Versuche der Einflussnahme der Auftraggeber auf kritische, politisch unerwünschte Inhalte dieser weltweit einmaligen Dokumentation. Sie beschränkten sich aber nicht darauf, sondern sie gipfelten im Weglassen politisch unbequemer Stellungnahmen bei der Veröffentlichung des Strahlenbiologischen Gutachtens durch die Landesregierung Schleswig-Holstein im Internet und in der Verweigerung von Honorarzahlungen an kritische Autor/inn/en (gleichzeitig zahlten die Auftraggeber aber exorbitante Honorare an gefällige "Gut"achter bereitwillig aus der Staatskasse)(4).  Fred Stevenson widersetzte sich diesen Machenschaften mit allen seinen Kräften, widerstand den Manipulationsversuchen und bezahlte die verweigerten Honorare aus eigener Tasche.

Diese zähen, für einen unabhängigen Wissenschaftler zutiefst unwürdigen und unerträglichen Auseinandersetzungen haben die Gesundheit dieses integren, aufrechten Menschen zerrüttet.

Fred Stevenson traf solche niederträchtige Demütigung in Deutschland freilich nicht zum ersten Mal: Leidvolle, diskriminierende Schikanen erfuhr er bereits zuvor anderenorts, beschämenderweise auch in der Medizinischen und der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der Kieler Universität. Nicht zuletzt aus diesen Gründen nahm er in den letzten Jahren neben seinen beruflichen Verpflichtungen das Jurastudium erfolgreich auf sich, um sich in Deutschland nach angeblich "geltendem Recht" auch wirklich sein Recht erkämpfen zu können. Er überschätzte jedoch die Bereitschaft zur Wahrheitsfindung in der deutschen Justiz in seinem persönlichen Fall: Seine Klage auf Erstattung der von ihm verauslagten Honorare (siehe oben) durch die Abt. Reaktorsicherheit der Landesregierung Schleswig-Holsteins wurde vom Gericht für ihn wenig überzeugend abgelehnt… der Gerechtigkeit verpflichtete Richter/innen hätten nach seiner Meinung bei sorgfältiger und sachkundiger Untersuchung dieses Falles wahrscheinlich zu einem anderen, nämlich gerechten und menschenwürdigen Urteil kommen müssen, und zwar "Im Namen des Volkes"…

Fred Stevenson begnügte sich aber nicht mit seinem strahlenbiologischen und juristischen Fachwissen, er pflegte auch noch andere Interessen. So erwarb er sich zusätzlich seit vielen Jahren mit großem Engagement vorzügliche Fachkenntnisse auf den Gebieten der chemisch-mikroskopischen Pigmentanalyse (z. B. von alten Gemälden oder antiken Kunstgegenständen) und der Partikel- und Faseranalytik (von Staubproben, Textilien, Asbest etc.). Seine Kenntnisse waren im Zusammenhang mit der Leukämiehäufung in der Elbmarsch besonders hilfreich bei der Isolierung und Identifizierung sogenannter "Mikrokügelchen" (Mikrosphären, die u. a. in der Umgebung der GKSS aufgefunden wurden und die mit besonderen kerntechnischen Experimenten in Zusammenhang gebracht werden, bei denen Kernfusion und -spaltung vereint zur Energiefreisetzung benutzt werden sollten(5).) 

Jenseits des zwar interessanten, aber gleichwohl trockenen wissenschaftlichen Alltags fand er immer noch Gelegenheiten, in seiner für sich selbst bescheidenen, gegenüber anderen aber immer hilfreichen und großzügigen Art auch seine Kochkunst dem engeren, vertrauten Freundeskreis zu zelebrieren und uns mit guten Weinen zu bewirten.

Fred Stevenson faszinierte auch die Sprache als wichtigstes Mittel menschlicher Kommunikation: Neben Englisch und den in Indien und Malaysien üblichen Hauptsprachen beherrschte er selbstverständlich fließend Deutsch und Französisch. Das genügte ihm natürlich nicht: Fred besuchte auch regelmäßig Kurse für Spanisch und sogar - für Plattdeutsch.

Schließlich begeisterte er sich in unserem Kieler Segelrevier auch noch für das Segeln, wohl zur seelischen Entspannung in der letzten, seiner besonders stark belasteten Zeit, und nahm an einem Segelkurs der Universität teil. Während einer kurzen Segeltour starb er plötzlich an akutem Herzversagen, aus dem ihn selbst vier anwesende Ärzte nicht mehr zurückholen konnten - sein letzter Wunsch war eine Bestattung auf hoher See…

Wir verlieren mit Frederick Stevenson einen liebenswerten Menschen, einen international hochgeschätzten Kollegen und einen treuen, stets verlässlichen Freund. Wir gedenken seiner in Dankbarkeit für die Bereicherung, die wir durch seine Persönlichkeit und seine Freundschaft erfahren haben.

Kiel, im Sommer 2004

Für den engeren Kreis seiner Vertrauten:
E-Mail  Prof. Dr. Otmar Wassermann

Wofür sich Stevenson engagierte:
Da der Abschlussberichtes des Vorsitzenden der Leukämie-Kommission der schleswig-holsteinischen Landesregierung Prof. Dr. O. Wassermann bislang auf der Website der Landesregierung nicht zu finden ist, wird er hier beim Otto-Hug-Strahleninstitut dokumentiert.
Die Beiträge der Mitglieder des Instituts zum strahlenbiologischen Gutachten sind (mit einer Ausnahme, s.u.) auf einer Informationsseite der Landesregierung verlinkt. Der fehlende Beitrag von Frau Prof. Dr. Inge Schmitz-Feuerhake ist ebenfalls beim Otto-Hug-Strahleninsitut bereitgestellt.
Den Beitrag unseres Mitglieds Prof. Dr. Horst Kuni sollten Sie in einer technisch verbesserten Version von seiner Website herunterladen.


 
(1) Fred Stevenson erfuhr erst im April 2004, dass die Verwaltungen der meisten der genannten Hochschulen für ihn keine Beiträge an die Rentenversicherung abgeführt hatten. TOP


 
(2) Zu den brisanten politischen Hintergründen siehe: "Atomforschung in Geesthacht - Schleichwege zur Atombombe?" Arbeitskreis Atomwaffenverzicht ins Grundgesetz, Holger Kuhr, Hamburg, 1989). TOP


 
(3) "Strahlenbiologisches Gutachten zur Ermittlung des Standes wissenschaftlicher Erkenntnisse und der Verläßlichkeit der Strahlenschutzbestimmungen unter besonderer Berücksichtigung der Belastung durch Radioaktivität in der Umgebung von Kernkraftwerken und zur Frage der Strahleninduktion kindlicher Leukämien", durchgeführt im Auftrag des Ministeriums für Finanzen und Energie des Landes Schleswig-Holstein, vorgelegt von Dr. rer. nat. habil. A.F.G. Stevenson, M.Sc., (Federführung), Kiel, im April 2001. TOP


 
(4) Der auffällig großzügige Umgang der Abt. Reaktorsicherheit mit Steuergeldern zwecks Gewinnung ge-fälliger Gutachter, Analysen, Stellungnahmen etc. sollte schon längst einen Untersuchungsausschuss des Landtages interessieren - falls dafür integre, der Wahrheitsfindung verpflichtete Persönlichkeiten zu finden wären - mit den notwendig scharfen Sanktionen gegen die verantwortlichen Politiker und Ministerialbeamten. TOP


 
(5) IPPNW e.V., Bürgerinitiative gegen Leukämie in der Elbmarsch e.V. (Hrsg.): Die radioaktive Belastung der Nahumgebung der Geesthachter Atomanlagen durch Spaltprodukte und Kernbrennstoffe. Stand der Erkenntnis zur Ursachenaufklärung der in der Umgebung der Kerntechnischen Anlagen bei Geesthacht aufgetretenen Leukämiehäufung. Marschacht 14.10.2002, 70 S. TOP

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http://www.gfstrahlenschutz.de/stevenson.htm
Stand: 23.01.2005
Verantwortlich:
Prof. Kuni