Offener Brief
An die
Ministerin für Soziales, Gesundheit und Verbraucherschutz des Landes
Schleswig-Holstein
Dr. Gitta Trauernicht
Adolf -Westphal-Str. 4
24143 Kiel
nachrichtlich:
an die Ministerpräsidentin des Landes Schleswig Holstein Frau Heide
Simonis
an die Ministerin für Soziales, Frauen, Familie und Gesundheit
des Landes Niedersachsen
Frau Dr. Ursula von der Leyen
Berlin, den 1. Dezember 2004
Sehr geehrte Frau Ministerin,
wir beziehen uns auf den Abschlussbericht des Vorsitzenden der schleswig-holsteinischen
Wissenschaftlichen Fachkommission Leukämie Prof. Dr. Otmar Wassermann
vom 15.09.2004 und erlauben uns als fachliche und finanzielle Förderer
von dort genannten Untersuchungen im Raum Geesthacht, folgende Fragen
zu stellen:
- Welche Maßnahmen gedenkt das Ministerium zu ergreifen, um die Ursache der anhaltenden
Leukämieerhöhung bei Geesthacht zu ermitteln und zu beseitigen?
-
Unfall im September 1986: Eine ungewöhnlich hohe radioaktive
Kontamination der bodennahen Luft ist auf dem Gelände des Kernkraftwerks
Krümmel am 12.9.1986 von Betreibern und Atomaufsicht ermittelt
worden. Die Erklärung der Aufsichtsbehörde, es habe sich um
einen Aufstau natürlichen Radons gehandelt, ist wissenschaftlich
nicht haltbar. Welche Maßnahmen sind vorgesehen, um die wahre
Ursache dieser Kontamination aufzuklären?
-
Welche Erklärung hat das Ministerium dafür, dass zum gleichen
Zeitpunkt eine stark erhöhte Oberflächenstrahlung (Beta) in
Obermarschacht gemessen wurde und Spaltprodukte in Gras und Elbsedimenten
nahe GKSS auftraten?
-
Die KFÜ-Station 3/09 zeigt im Jahr 1986 ab der 37. Woche (nicht
der 38.!), in der der 12.09. liegt, einen Ausfall, der mit "ungeplante
Stationsverlegung nach Brand am ursprünglichen Aufstellungsort"
kommentiert wurde. Nach Angabe im Bericht der Fachbeamtenkommission
vom März 1992 war der Standort "GKSS Tesperhude". Wo
befand sich dieser Standort genau und welche Belege gibt es für
dieses Brandereignis?
-
Zwischen GKSS und dem Gelände des Kernkraftwerks Krümmel
befindet sich ein etwa 100m breites Areal mit Brandspuren. Dieses wurde
neuerdings mit einem hohen Zaun versehen und die Bäume wurden dort
gerodet. Durch welches Ereignis sind die dortigen Brandspuren entstanden?
-
Herr Dr. Wolter, der langjährige Referatsleiter der Abteilung
Reaktorsicherheit, hat als Mitarbeiter eines Sachverständigenbüros
und angeblich unabhängiger Gutachter Expertisen für das Ministerium
zur Widerlegung von Kommissionsbefunden angefertigt und somit seine
eigene Behördentätigkeit begutachtet . Wie bewertet das Ministerium
heute diese Vorgehensweise? Ist es beabsichtigt, weitere Gutachten von
Dr. Wolter oder anderen ehemaligen Mitarbeitern der Atomaufsicht einzuholen
und mit öffentlichen Mitteln zu finanzieren?
-
Wie erklärt das Ministerium, dass die zunächst bestrittenen
Befunde über Americium und Plutonium in Dachstaub aus der Elbmarsch
durch Untersuchungen in einem Fachlabor in Krakau bestätigt wurden?
(Es wurde der Nachweis geführt, dass die aufgefundenen Transurane
weder durch Atomwaffenfallout noch durch Tschernobyl erklärbar
sind, s. Health Physics 47, 2003, 599-607.)
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In der von der Aufsichtsbehörde in Auftrag gegebenen Plutoniumuntersuchung
an Dachstaub in der Universität Mainz ergaben sich exakt die gleichen
Konzentrationen und Isotopenverhältnisse in einigen Elbmarsch-
und Kontrollproben (Strahlentelex Nr. 332-333 v. 2.11.00). Welche Erklärung
haben Sie für diesen offensichtlich fragwürdigen Umstand?
(In kriminaltechnischen Untersuchungen kann die selbe Stoffzusammensetzung
zur Feststellung des selben Herkunftsortes dienen.)
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Aus Messungen verschiedener Labors (ARGE PhAM, Isotopenlabor Göttingen,
Universität Bremen, GKSS, Nieders. Landesamt für Ökologie)
ergibt sich, dass in der Umgebung der Geesthachter kerntechnischen Anlagen
angereichertes Uran vorliegt. In unbelasteten Gebieten dürften
keine Abweichungen vom konstanten natürlichen Verhältnis der
Uranisotope 235 und 238 vorkommen. Weshalb ignoriert man daher diese
Belege für den Eintrag von Kernbrennstoffen? (IPPNW/BI gegen Leukämie
in der Elbmarsch: Die radioaktive Belastung der Nahumgebung der Geesthachter
Atomanlagen durch Spaltprodukte und Kernbrennstoffe, Marschacht, 14.10.2002)
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Bestreitet das Ministerium weiterhin die Existenz der von ARGE PhAM
gefundenen Kernbrennstoffkügelchen? Welche Erklärung hat es
für die vom Labor PASS in Gießen aufgenommenen Massenspektren
an solchen Kügelchen, die Plutonium und Americium zeigen? Aus welchem
Grund wird die Mitteilung von Prof. Ensinger, Marburg, vom 31.5.01 an
die Aufsichtsbehörde ignoriert, er habe in einem der Partikel große
Mengen des Nuklids Americium-243 gefunden? Welche Untersuchungen wurden
veranlasst, um die Kügelchen zu separieren und die Zusammensetzung
der verschiedenen von ARGE PhAM angegebenen Kügelchenfraktionen
festzustellen?
-
ARGE PhAM erklärt das Auftreten der Kernbrennstoffe bei Geesthacht
durch Experimente mit Hybridsystemen. In solchen Hybridsystemen werden
Kernfusions- und Kernspaltungsreaktionen gemeinsam ausgenutzt, d.h.
es werden sowohl Fusionsmaterialien (Tritium, Lithium, Beryllium) als
auch Spaltstoffe eingesetzt. Welche Erklärung hat das Ministerium
für die in Massenspektren aufgefundenen Lithium- und Berylliumgehalte
des "PAC"-Materials und die in Bäumen nachgewiesenen
Tritiumerhöhungen?
In Erwartung Ihrer Antwort verbleiben wir mit freundlichen Grüßen
Dr. Angelika Claußen,
stellv. Vorsitzende, IPPNW - Deutschland
Dr. Sebastian Pflugbeil,
Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz
Gemeinsame Presseerklärung der IPPNW und GSS vom 06.12.04 dazu
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