Pressemitteilung v. 13.11.98
Atommülltransporte gefährden die Gesundheit
Atommülltransporte soll es nur noch in Ausnahmefällen
geben, erklärte der neue Bundeskanzler Gerhard Schröder
in seiner ersten Regierungserklärung am 10. November dieses
Jahres. Mindestens hundert Transporte stehen in den nächsten
Jahren an, wenn allein die deutschen Abfälle aus der Wiederaufarbeitung
in Frankreich vertragsgemäß zurückgenommen werden,
frohlockte dagegen der Sprecher der Brennelementlager Gorleben
Gesellschaft BLG, Jürgen Auer, gegenüber der Presse.
Hinzu kommen die Transporte von den AKW-Standorten zur Wiederaufarbeitung
ins Ausland oder in die zentralen Zwischenlager nach Gorleben
oder Ahaus. Die von der Regierungskoalition angekündigten
dezentralen Lager an den Kraftwerksstandorten müßten
erst gebaut werden. Mindestens bis dahin also werden die Transporte
weitergehen, befürchtet die Gesellschaft für Strahlenschutz.
In ihrem jetzt vorgelegten 88-seitigen Bericht des Otto Hug Strahleninstituts
dokumentiert sie, daß es sich bei den in großer Zahl
bekannt gewordenen Überschreitungen international verbindlicher
Grenzwerte an Transportbehältern für abgebrannte Brennelemente
nicht um Einzelereignisse, sondern um systematisch auftretende
Vorkommnisse handelt. Den bisherigen Berichten und Stellungnahmen
von offizieller Seite ist eine Tendenz zur Einengung der Ursachensuche
auf den Effekt des sogenannten "Schwitzens" zu entnehmen.
Dies sei unzulässig, weil auch andere Ursachen denkbar sind,
heißt es in dem Bericht der Gesellschaft für Strahlenschutz.
Ebensowenig könne gefolgert werden, daß Grenzwertüberschreitungen
nur bei Transporten zur Wiederaufarbeitung auftreten können.
Die in dem Bericht aufgezeigten Zusammenhänge zwischen Strahlenbelastung
durch inkorporierte Radioaktivität und Gesundheitsschäden
ließen die gegenwärtigen Standards für zulässige
Strahlenbelastungen als nicht ausreichend für den Gesundheitsschutz
der Bevölkerung und des Begleitpersonals erscheinen. Es könne
nicht ausgeschlossen werden, daß zahlreiche Personen radioaktive
Partikel mit der Atemluft in ihren Körper aufgenommen haben.
Abgesehen von der massiven Überschreitung der Grenzwerte
durch die Unterbewertung der besonders gesundheitsgefährlichen
Neutronen, führe die Aufnahme sogenannter Crud-Partikel,
die nach heutigem Kenntnisstand die Ursache der an den Behältern
gefundenen hohen Verseuchungen sind, mit großer Wahrscheinlichkeit
zu einer Überschreitung des Dosisgrenzwertes für die
Bevölkerung und damit zu einer erheblichen Gefahr für
die Gesundheit, erklären die Autorinnen und Autoren des Berichtes.
Dies sind die Professoren Dr.med. Horst Kuni, Marburg, Dr.rer.nat.
Wolfgang Köhnlein, Münster, Dr.rer.nat. Inge Schmitz-Feuerhake,
Bremen, und die Diplom-Physiker Wolfgang Neumann, Hannover, und
Heiko Ziggel, Bremen. Durch die bisherigen Transporte seien mit
großer Wahrscheinlichkeit bereits Menschen zu Schaden gekommen.
Wer dies ist und wieviel betroffen sind, lasse sich jedoch nicht
ermitteln, weil länger zurückliegende Radionuklidaufnahmen
nicht mehr nachgewiesen werden könnten.
Horst Kuni, Wolfgang Köhnlein, Wolfgang Neumann, Inge Schmitz-Feuerhake,
Heiko Ziggel: CASTOR gefährdet Gesundheit. Gesundheitsgefahren
durch radioaktiv kontaminierte Oberflächen von Brennelementtransportbehältern.
Otto Hug-Bericht Nr. 19-20,
Gesellschaft für Strahlenschutz e.V. 1998, ISSN 0941-0791,
88 Seiten, Abbildungen und Tabellen, 16,- €.
Der Bericht kann über die Geschäftsstelle
bezogen werden.
Prof. Dr. Wolfgang Köhnlein
Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz
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