| 3. Becquerel und Sievert | Weiter:
4. Weiter so? |
| Becquerel - was sagen sie aus?
Kontamination: Der erste Schritt zur Inkorporation | Zurück: Index |
Insgesamt ist nur von Verseuchung in Becquerel die Rede, also von radioaktiven Zerfällen. Das sagt einem aber doch gar nichts darüber, was da eigentlich zerfällt?
Das gehört inhärent zu diesem Skandal dazu, da haben Sie völlig recht. Die Anzahl der Becquerel sagt überhaupt nichts aus, sondern man muß differenzieren, was für ein Radionuklid das ist. Zum Beispiel gelten für Alpha-Strahler viel strengere Grenzwerte als für Beta-Strahler, und auch zwischen den Beta-Strahlern ist in der Strahlenschutzverordnung noch mal differenziert, je nachdem, wie hoch die sog. Freigrenzen für die jeweiligen Strahler sind: Man differenziert nach Vorstellungen über die biologische Gefährlichkeit im Stoffwechsel, nach der Halbwertszeit, nach dem Anreicherungsgrad im Körper usw. Auch da muß man genau wissen, um welches chemische Element es sich handelt, in welcher Verbindung und in welcher physikalischen Zustandsform es vorliegt, damit man sich überhaupt eine Vorstellung davon machen kann, wie leicht das jeweilige Element in den Atemtrakt aufgenommen wird und wie es in den Körper übertreten kann.
Der Becquerel-Wert gibt nur an, wieviel radioaktive Zerfälle sich pro Sekunde und cm2 ereignen. 4 Bq pro cm2 können also mehr oder weniger Gefährdung bedeuten. Es ist ja auch völlig unklar, ob es sich bei der gemessenen Verseuchung um einzelne »hot spots« handelt und wie groß die verseuchte Fläche überhaupt ist. Wenn der Grenzwert oberflächendeckend erreicht wäre, handelte es sich nach meiner Kalkulation für die Oberfläche des CASTOR - ich habe rund 880.000 cm2 berechnet - bereits um eine Aktivität von mehr als 24.000.000 Bq! Das sind schon eindrucksvolle Werte.
Man müßte also wie oben geschildert flächendeckende Wischproben machen und in diesen Proben Nachweise führen über die verschiedenen radioaktiven Elemente. Man müßte auch für jedes Element eine eigene Abwisch-Verlaufskurve aufnehmen, da je nach physikalischer und chemischer Zustandsform mit einem unterschiedlichen Anhaften an der Oberfläche zu rechnen ist. Danach muß man untersuchen, wie groß die Aufwirbelungsrate ist. Man müßte die richtigen Luftfilter finden und montieren, um die Aufwirbelungsrate durch die spontane Thermik zu erfassen die Behälter werden ja recht warm. Dasselbe müßte man dann noch im Fahrbetrieb machen. Das ist eigentlich gar nicht zu bewältigen. Zudem wird es politisch kaum durchsetzbar sein, den CASTOR mit einer nachweisbaren Kontamination zu transportieren und zu behaupten, diese Kontamination sei vernachlässigbar. Der Druck wird also dahingehen, daß die Oberfläche einfach sauber sein muß.
Werden denn nach diesen Skandalen entsprechend differenzierte Wischproben vorgenommen?
Das wird man schon machen müssen. Aber wenn Sie wirklich wissen wollen, was passiert ist, dann müssen Sie so aufwendig vorgehen, wie ich oben skizziert habe. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) z.B. müßte im Interesse ihrer Mitglieder die Forderung erheben, daß abgeschätzt wird, wieviel sich unter welchen Umständen wovon ablösen kann, und was überhaupt auf den Behältern drauf ist. Aber das ist wie gesagt eine Untersuchung, die nach meinen Maßstäben zur Zeit gar nicht zu bewerkstelligen ist, weil es keine Roboter gibt, die diese Wischproben vornehmen könnten.
Das ist die Seite der konkreten Gefährdung, die vor allem diejenigen interessiert, die in diesem Bereich arbeiten müssen. Auf der anderen Seite, wenn es um die Akzeptanz in der Politik und in der Bevölkerung geht, ist es leider nur noch eine Frage des Grenzwertes, unabhängig davon, was dieser Grenzwert nun besagt. In dem Augenblick, wo Sie politisch diesen Grenzwert akzeptiert haben, haben Sie sich auch selbst gefesselt.
| Zurück | Beginn der Seite |
In Frankreich ist nun die Untersuchung des betroffenen Bahnpersonals angeordnet worden. Wie gehen solche Untersuchungen vor sich?
Es gibt gängige Methoden der Inkorporationsnachweise die natürlich erschwert werden, wenn ich gar nicht weiß, was ich nachweisen muß. Eine gängige Methode sind hochempfindliche Ganzkörperzähler, d.h. große Kammern aus Stahl mit zusätzlicher Bleiabschirmung. Es handelt sich dabei um einen Spezialstahl, der entweder von Schlachtschiffen stammt, die vor dem Zweiten Weltkrieg also vor dem Aufkommen der atomtechnischen Umweltverseuchung versenkt worden sind, oder Stahl, den man in aufwendigen Verfahren entsprechend umgearbeitet hat, um den sogenannten »Null-Effekt« zu vermindern. In solchen Kammern aus Altschlachtschiff-Referenzstahl kann man bei Menschen, die nicht unter Platzangst leiden, bestimmte Strahlungen, die aus dem Körper hinausdringen, bis zu bestimmten Grenzwerten auch nachweisen. Da gibt es natürlich Nachweisschwellen, die sehr unterschiedlich sind, während es bekanntermaßen keine Untergrenze für die Wirksamkeit von Strahlung gibt.
Für Organe, die besonders stark anreichern, kann man Organmessungen machen, und man kann Ausscheidungen des Körpers über Urin- und Stuhlproben messen. Das muß vor allem bei Alpha-Strahlern gemacht werden, ein außerordentlich teures und aufwendiges Verfahren, wenn man repräsentative Messungen machen will. Solche Messungen gelingen auf hochwissenschaftlichen Stoffwechselanalysestationen mit einer beachtlichen Fehlerbreite.
Wenn Sie dann Befunde haben, müssen Sie Stoffwechselmodelle anlegen und zurückrechnen, was sich da wohl abgespielt hat. Maßgeblich ist auch die Annahme, wie lange die Inkorporation zurückliegt. Sie müssen auch wissen, in welcher physikalischen Zustandsform etwas eingeatmet worden ist, damit Sie aus solchen Messungen auch nur ganz grob etwas kalkulieren können.
Deshalb werden ja auch die Grenzwerte für die Oberflächenkontamination so niedrig angesetzt. Eine Oberflächenkontamination ist immer eine potentielle Inkorporation für den Menschen, und wenn etwas inkorporiert ist, ist das ein weitgehend irreversibler Prozeß. Die Dosimetrie ist, wie ich schon skizziert habe, sehr schwierig.
| Zurück | Beginn der Seite |
In diesem Zusammenhang konnte man u.a. in der Presse lesen, dazu seien langfristige Sievert-Messungen erforderlich. Was bedeutet das?
Wenn man herausgefunden hat, was für Strahler von welcher chemischen und physikalischen Zustandsform in die Menschen hineingelangen, kann man anhand von Stoffwechselmodellen errechnen, wie groß die Strahlenbelastung tatsächlich ist. Diese Strahlenbelastung drückt man in Sievert aus die sog. »Äquivalentdosis«. Diese kann man jedoch kaum messen, sondern nur berechnen. Es werden also Modellrechnungen eingesetzt, um die physikalische Dosis auszurechnen. Darüber haben wir uns ja schon einmal vor zwei Jahren unterhalten, als es um die Neutronen ging [Siehe: Keine kopernikanische Wende in Sicht. Interview mit Prof. Dr. Horst Kuni über Castor-Transporte und das strahlenbiologische Weltbild. Forum Wissenschaft Nr. 3/96, 13. Jg., Sept. 1996, S. 10-14]. Sievert bezeichnet eine amtlich berechnete Dosis, mit amtlichen Annahmen über die Gefährlichkeit der verschiedenen Strahlenarten, die keineswegs mit der tatsächlichen Gefährlichkeit übereinstimmt. Das gilt nicht nur für die Neutronen-, sondern auch z.B. für die Beta- und Alpha-Strahlung. Auch die werden systematisch falsch bewertet, und es wird Sie nicht überraschen, wenn ich sage, daß die Gefährlichkeit meistens zu niedrig angesetzt wird. Sievert ist, wenn Sie so wollen, ein amtliches Konstrukt, das zwar irgendwo eine Größenordnung der tatsächlichen Gefährdung skizziert, aber von der Realität der biologischen Gefährdung erheblich abweichen kann.
Deshalb führt die Forderung, die Strahlenbelastung solle in Sievert ausgerechnet werden, auch nur zur halben Wahrheit.
| Zurück | Beginn der Seite |
Heißt das, daß Maßnahmen, die Sicherheit für das Personal tatsächlich garantieren können, zur Zeit praktisch gar nicht möglich sind?
Um das Vertrauen der Polizistinnen und Polizisten wiederzugewinnen, wird sicher eine Menge Arbeit nötig sein. Ich habe vor den letzten Transporten zahlreiche Gespräche geführt, mit Vertretern der GdP und auch mit Vertretern der Gewerkschaft der Eisenbahner und Einsatzleitern. Dabei habe ich den subjektiven Eindruck gewonnen, daß meine Annahmen über die Gefährlichkeit der Neutronenstrahlung von den Betroffenen außerordentlich ernst genommen worden sind. So ist man von dem bisherigen Szenario, daß die Polizei-Mannschaften neben den CASTOR herlaufen müssen, abgekommen und verfolgt jetzt eher das »Staatsbesuchs-Szenario«. Dazu errichtet man einen Sicherheitskordon in angemessenem Abstand um die Transportwege, und dann kann - wie bei einem Staatsbesuch - der CASTOR im Expreßtempo vom Start bis zum Ziel durchfahren. Das bedeutet natürlich einen maximalen Personalaufwand, was politisch schwierig durchzusetzen war. Aber das ist den Einsatzleitern wohl nicht zuletzt durch den Verweis auf meine Annahmen gelungen.
Dieses Konzept führt zu einer deutlichen Verringerung der Strahlenbelastung der einzelnen Personen des Schutz- und Begleitpersonals. An der Kollektivdosis für die Bevölkerung an den Transportwegen ändert das natürlich überhaupt nichts.
Man hatte also wegen möglicher Gefahren der Neutronenstrahlung bereits ein Szenario gewählt, um einen möglichst großen Abstand und damit einen Schutz für die Polizistinnen und Polizisten zu erreichen. Dadurch wurde natürlich gleichzeitig eine Verbesserung des Schutzes vor Inkorporation erreicht. Es macht ja gerade für die Gefahr des Einatmens von radioaktiven Stoffen einen Unterschied, ob die Beamtinnen und Beamten direkt neben dem verseuchten Behälter herlaufen oder ob sie einen größeren Abstand dazu halten können. Insofern kann man schon sagen, daß von unseren Warnungen vor dem Strahlenfeld des CASTOR gleichzeitig eine gewisse Schutzwirkung vor den Folgen einer Inkorporation durch die jetzt bekannt gewordenen Kontaminationen ausgegangen ist.
Aber damit will ich keinesfalls die Kontamination verharmlosen, es zeigt sich nur, daß zumindest eine gewisse Schutzwirkung durch unsere vorherigen Aktionen in Bezug auf die Neutronenstrahlung vorhanden war.
Trotzdem habe ich den Eindruck, daß die GdP sich hintergangen fühlt und eine tiefgreifende Zerrüttung des Vertrauens festzustellen ist. Man wird schwerlich noch einmal in diesem Umfang Leute zum Schutz der Transporte mobilisieren können, solange die Verseuchung nicht abgestellt ist.
| Weiter | 4. Weiter so? | ||
| Zurück | Beginn der Seite |
| http://www.gfstrahlenschutz.de/gssfowi4.htm Stand: 15.02.1999 Verantwortlich: Prof. Kuni, horst@kuni.org | Zur Startseite Prof. Kuni |