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2. Was wissen wir und was nicht? |
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"Genaugenommen ist Castor nur ein anderes Wort für Vertrauen" war in einer Anzeige der Atomindustrie nach dem letzten Castor-Transport nach Ahaus zu lesen. Nachdem Ende April 1998 äußere Kontaminationen beträchtlichen Umfangs an den Atommüll-Transportbehältern bekannt wurden, wirkt auch die Behauptung des Bundesumweltministeriums, Begleitpersonal und Bevölkerung seien durch die Atommülltransporte zu keiner Zeit gefährdet gewesen, mehr als nur zynisch. Wie der Marburger Strahlenmediziner Horst Kuni darlegt, zeigen solche »Skandale« jedoch nur einen winzigen Auschnitt der tatsächlichen Gefährdung. Das Interview führte Martina Koelschtzky.
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In den Pressemeldungen der letzten Wochen über ernorme Kontaminationen von Transportbehältern für Atommüll, die erst am Zielort in Frankreich oder England festgestellt wurden, ist stets von "Enthüllungen" und "Skandalen" die Rede. Worin besteht Ihrer Meinung nach der »Skandal«?
Für mich ist nach wie vor die Neutronenstrahlung die dominierende Gefährdung für die Bevölkerung und diejenigen, die mit dem CASTOR umgehen müssen. Natürlich werfen die jüngsten Vorkommnisse ein ganz neues Licht auf die gesamte Struktur der Kernenergienutzung. Normalerweise bemüht sich die Kernindustrie schon, daß die Rechenvorschriften, Verordnungen und Gesetze so formuliert sind, daß sämtliche Vorhaben auch legal durchführbar sind. Bei den CASTOR-Transporten hat man aber offensichtlich irgendetwas übersehen oder nicht in seinem wahren Ausmaß erkannt und daher versäumt, die Verordnungen vorher entsprechend zurechtzulegen. Wenn man mit einer Technik in der Weise umgeht, wie es die Kernindustrie meiner Einschätzung nach tut, indem man alle Rechenregeln und Vorschriften auf das Ziel hin konstruiert, daß man ohne wesentliche Beschränkungen damit hantieren kann, dann muß es eines Tages dazu kommen, daß man irgendetwas übersieht und sich in seinem eigenen Geflecht verheddert. Die Kernindustrie ist sozusagen in ihre eigene Falle gelaufen. Insofern halte ich die aktuelle Entdeckung von Kontaminationen nicht für einen Skandal, sondern für eine zwangsläufige Entwicklung.
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Wie kann denn eine solche Kontamination an die Außenflächen der Behälter gelangen?
Wenn man wüßte, wie die Verunreinigungen an die Stellen kommen, an denen man sie jetzt vorfindet, hätte man das Problem schon längst im Griff was immer das unter den gegebenen Verhältnissen heißt. Dieses Nichtwissen ist einer der Kernpunkte, der viel zu wenig diskutiert wird. Es ist bisher überhaupt noch nicht deutlich gemacht worden, wie groß das Unwissen auch über Art und Ausmaß der Verseuchungen ist.
Um eine Verseuchung analysieren zu können, muß man ja auch radioaktive Stoffe auffinden, deren Strahlung gar nicht über eine größeren Entfernung meßbar ist. Alpha-Strahlung z.B. oder weiche Beta-Strahlung haben nur eine kurze Reichweite. Diese Strahlungsarten entfalten ihre Gefahrenpotentiale, wenn sie in den Stoffwechsel des Körpers aufgenommen werden, lassen sich aber mit einem Meßgerät von außen oft gar nicht nachweisen, wenn man eine ansonsten saubere Oberfläche hat. Nun haben wir hier aber den Fall, daß auch durch die CASTOR-Wand hindurch Strahlung kommt und daß durch den Neutroneneinfang auch noch die CASTOR-Wand selbst eine harte Strahlung abgibt. Wir haben also außen am CASTOR ein hohes Strahlenfeld, das die normalen Meßgeräte blendet. Ebensogut könnten Sie versuchen, die Lichtstärke einer kleinen Taschenlampe vor der Sonne zu messen. Und eine Taschenlampe vor der Sonne wäre im Vergleich mit den Relationen bei der CASTOR-Strahlung schon übertrieben hell. Selbst wenn ein normales Kontaminationsmeßgerät in der Lage wäre, die Strahlung im vollen Umgang nachzuweisen, die von den radioaktiven Stoffen auf der Oberfläche des Behälters ausgesendet wird, würde es von der »normalen« Strahlung des CASTOR geblendet.
Insofern ist es auch erst einmal scheinbar richtig, wenn ein Pressesprecher eines süddeutschen Energiekonzerns in einer Pressekonferenz gesagt hat, man könne noch nicht einmal in "Fliegenschiß-Einheiten" messen, was durch die radioaktive Verseuchung an zusätzlichem äußerem Strahlenfeld entstanden ist. Dieses Argument, das zur Verharmlosung verwendet wird, zeigt jedoch den größeren, sozusagen vorgeschalteten Skandal, nämlich daß die Strahlung des CASTOR sowieso schon so hoch ist, daß es mit einem normalen Kontaminationsmeßgerät noch nicht einmal möglich wäre, einen Gammastrahler also eine durchdringende Strahlung, die das Meßgerät gut auffangen kann nachzuweisen.
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| http://www.gfstrahlenschutz.de/gssfowi2.htm Stand: 15.02.1999 Verantwortlich: Prof. Kuni, horst@kuni.org | Zur Startseite Prof. Kuni |